Seit dem ersten Artikel dieser Serie bekomme ich eine Frage öfter als jede andere: „Wie muss ich ChatGPT fragen, damit ich eine brauchbare Antwort bekomme?" Die ehrliche Gegenfrage lautet: Lohnt sich das überhaupt?
Die Antwort ist nicht so einfach, wie die unzähligen „Prompting-Guides" im Internet suggerieren.
Wann Prompting sich lohnt – und wann nicht
Ein guter Prompt für eine juristische Frage ist kein Einzeiler. Er beschreibt den Sachverhalt vollständig, benennt das Rechtsgebiet, klärt die eigene Rolle, nennt das gewünschte Ergebnis und schließt Missverständnisse aus. Wer das ernsthaft macht, schreibt schnell mehrere Absätze – bevor er überhaupt eine Antwort erhalten hat.
Hier liegt die erste ehrliche Einschätzung: Wenn der Aufwand für einen guten Prompt bereits so hoch ist wie das Ergebnis, das am Ende herauskommt, lohnt sich der Umweg über die KI für einen Laien nicht. Wer seinen Sachverhalt präzise beschreiben, die relevanten Details benennen und die richtigen Fragen formulieren kann – der hat die halbe Arbeit bereits erledigt.
Für einen Anwalt sieht die Rechnung anders aus. Die zeitaufwendige Recherche – Normen sichten, Urteile prüfen, Literatur durchforsten – wird durch KI komprimiert. Die Sachverhaltskenntnis bringt der Anwalt mit. Genau das ermöglicht einen Prompt, der funktioniert.
Es gibt allerdings einen Fall, in dem KI für Mandanten echten Mehrwert hat – und er wird selten erwähnt: Viele Menschen tun sich schwer damit, ihren Fall schriftlich zu formulieren. Sie wollen sich keine Blöße geben, fühlen sich unsicher, und schreiben am Ende gar nichts. Hier kann KI als erste Formulierungshilfe dienen – nicht um rechtliche Antworten zu liefern, sondern um aus dem Schweigen einen ersten Satz zu machen.
Das Wissen, das man braucht, um zu wissen, was man nicht weiß
Der Psychologe Justin Kruger und sein Betreuer David Dunning haben in den 1990er Jahren etwas beschrieben, das seither seinen Weg in die Alltagssprache gefunden hat: Menschen mit wenig Wissen auf einem Gebiet neigen dazu, ihre eigene Kompetenz zu überschätzen. Nicht aus Arroganz – sondern weil ihnen das Wissen fehlt, das sie erst erkennen ließe, wie viel sie nicht wissen.
Experten erleben oft das Gegenteil: Je mehr sie wissen, desto klarer sehen sie die eigenen Lücken.
Im Rechtskontext – und besonders im Umgang mit KI – ist dieser Effekt von praktischer Bedeutung. Wer eine juristische Frage an eine KI stellt, ohne zu wissen, welche Details entscheidend sind, bekommt eine Antwort auf eine Frage, die er gar nicht gestellt hat. Und er merkt es nicht – weil ihm der Filter fehlt, der sich erst durch Ausbildung und Erfahrung aufbaut.
In der juristischen Ausbildung gibt es dafür sogar einen liebevollen Begriff: die Sachverhaltsquetsche. Jurastudenten bekommen in Prüfungen einen Sachverhalt vorgelegt – der steht fest, jedes Detail ist gesetzt. Und dennoch begehen viele den Fehler, Fakten in diesen Sachverhalt hineinzuinterpretieren, die dort schlicht nicht stehen. Sie lösen dann einen Fall, den es gar nicht gibt – und ernten dafür eine schlechte Note. Ein großer Teil der juristischen Ausbildung besteht genau darin, das Gehirn zu trainieren, diesen Reflex zu unterdrücken: den Sachverhalt so zu nehmen, wie er ist – nicht wie man ihn sich wünscht oder für wahrscheinlicher hält.
Wenn ausgebildete Juristen dafür jahrelanges Training brauchen, wird klar, wie schwer es für einen Laien ist, der sich dieses Phänomens gar nicht bewusst ist. Er quetscht den Sachverhalt, ohne es zu ahnen – und die KI quetscht munter mit.
Das ist kein Vorwurf. Es ist ein strukturelles Problem.
Zwei Prompts, ein Unfall, zwei verschiedene Welten
Ich habe das selbst erlebt. Für eine Recherche schickte ich einer KI eine kurze Unfallschilderung und fragte schlicht nach der Haftungslage. Die Schilderung enthielt in einem Nebensatz den Hinweis, dass der Unfall im europäischen Ausland stattgefunden hatte.
Das Ergebnis war lehrreich – aber nicht im guten Sinne. Aus einem Begegnungsunfall in einer Kurve wurde in der Antwort plötzlich ein Auffahrunfall. Und der Auslandsbezug? Vollständig ignoriert. Die KI prüfte deutsches Recht, obwohl es nicht anwendbar war.
Der zweite Versuch sah anders aus. Ich hatte den Sachverhalt selbst aufbereitet und auf das Wesentliche kondensiert. Ich hatte der KI eine klare Rolle gegeben, einen Prüfkatalog mitgeliefert, und an zwei Stellen ausdrücklich geschrieben, dass sie keine Entscheidungen oder Normen erfinden soll. Außerdem hatte ich das Ergebnis anschließend selbst geprüft.
Diesmal erkannte die KI den Begegnungsunfall korrekt, benannte den Auslandsbezug, nannte die einschlägigen Normen für die Zuständigkeit deutscher Gerichte – und bat mich dann selbst, das ausländische Recht zu prüfen, weil sie ihrer eigenen Gesetzeskenntnis dort nicht traute.
Das war eine brauchbare Antwort. Aber um sie zu bekommen, musste ich bereits wissen, was ein Begegnungsunfall ist, warum der Ort des Unfalls die Rechtslage verändert, welche europäischen Normen zur Zuständigkeit es gibt, und wie man eine KI so anweist, dass sie nicht erfindet. Wer das alles weiß – der ist Jurist. Und der Jurist profitiert tatsächlich von diesem Werkzeug.
Vier Faustregeln, die trotzdem für alle gelten
Auch wenn professionelles Prompting Fachwissen voraussetzt – ein paar Grundregeln gelten für jeden, der KI für Rechtsfragen nutzt. Nicht als Versprechen, sondern als Mindeststandard:
Die KI nicht mit unnötigen Informationen überladen. Lange, unstrukturierte Texte führen dazu, dass die KI Wesentliches übersieht – wie den Nebensatz mit dem Auslandsbezug. Kürzer und präziser ist fast immer besser.
Keine Fragen stellen, die ein Ergebnis erzwingen. „Habe ich nicht Recht, dass..." oder „Bestätige mir, dass..." sind keine neutralen Fragen. KI-Systeme neigen dazu, dem Frager zuzustimmen. Wer ein ehrliches Ergebnis will, muss ergebnisoffen fragen.
Angegebene Quellen immer prüfen. KI nennt Paragraphen, Urteile und Gesetze mit einer Überzeugung, die nichts über ihre Richtigkeit aussagt. Halluzinierte Fundstellen klingen genauso souverän wie echte. Vor dem Handeln: prüfen.
Kein blindes Vertrauen. Eine überzeugende Antwort ist keine richtige Antwort. Das gilt im Leben – und bei KI ganz besonders.
Was das bedeutet
Prompting ist keine Geheimwissenschaft. Aber es ist auch keine Fähigkeit, die man sich an einem Nachmittag aneignet und dann verlässlich auf juristische Fragen anwenden kann. Die Qualität des Ergebnisses hängt davon ab, ob man weiß, was man fragt – und das setzt voraus, dass man das Thema bereits versteht.
Für die Orientierung, die erste Einschätzung, die grobe Richtung: KI kann helfen. Für alles, was Konsequenzen hat – Fristen, Verträge, Ansprüche, Verfahren – braucht es jemanden, der den Sachverhalt versteht, bevor er eine Frage stellt.
Das war der Unterschied zwischen meinen beiden Prompts. Nicht die Länge. Nicht die Technik. Sondern das Wissen, das dahinterstand.
Haben Sie eine ähnliche Situation erlebt? Oder sind Sie unsicher, ob Sie die richtige Frage stellen? Sprechen Sie uns an – das erste Gespräch kostet Sie nichts außer Zeit.
Artikel 1 der Serie: 80 Prozent richtig – und trotzdem falsch gelegen
Im nächsten Artikel schauen wir uns an, was passiert, wenn KI trotz guter Fragen falsch liegt – und warum das im Recht besonders gefährlich ist: Halluzinationen, Quellenerfindung, Haftungsfragen.
Alle Artikel der Serie: KI und Rechtsanwälte
PS: Auch dieser Artikel ist mit Unterstützung von KI entstanden – strukturiert und redigiert von einem Rechtsanwalt, der weiß, welche Fragen er stellen muss.
